Ein Buch mit sieben Siegeln

Eberhard Brand

Die Kortum-Gedenkstätte auf dem alten Friedhof an der Wittener Straße

Dr. Carl Arnold Kortum, geboren am 5. Juli 1745 in Mülheim/Ruhr, lebte und wirkte von 1770 bis zu seinem Tod am 15. August 1824 als Arzt und Alchemist, als Literat und Schöpfer der "Jobsiade" und als Historiker, der die erste wirklich bedeutende Bochumer Stadtgeschichte geschrieben hat, in Bochum. Sein vielfältiges Schaffen, seine Forschungen und Sammlungen, kurz seine bemerkenswerten Hinterlassenschaften haben sich unter Kennern in unserer Stadt stets größter Wertschätzung erfreut. - Die wichtigste Einkaufsstraße, ein bei Alt und Jung noch gut bekanntes Kaufhaus, ein Brunnen und Denkmäler, ein Friedhof-Park, ein Ärztehaus, eine Hauptschule, die Ehrenmedaille der Medizinischen Fakultät sowie der Innovationspreis der Biologischen Fakultät an der Ruhr-Universität Bochum und die stadt-historische Gesellschaft tragen seinen Namen; dies sind nur einige Punkte einer typisch Bochumer Liste, deren Ende noch lange nicht erreicht ist. ...

Anders als bei der Kortumstraße und dem an ihr gelegenen einstigen Kaufhaus Kortum - beide können mit Carl Arnold Kortum direkt nichts zu tun haben, weil sie erst viele Jahrzehnte nach Kortums Tod entstanden - gibt es beim "Kortumpark" eine direkte und höchstpersönliche Beziehung zu Kortum: Als um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert und in der Folgezeit die städtischen Begräbnisplätze, die die Kirchen umgebenden "Kirchhöfe", teils aus wissenschaftlicher Erkenntnis und in Beachtung neuer gesetzlicher Vorschriften, teils aufgrund gewandelter ethisch-religiöser Anschauungen geschlossen und vor den Stadttoren neu angelegt wurden, entstand in Bochum - vor dem Buddenbergtor, ab November 1819 B ein neuer "Kirchhof". Dieser auch "Neuer Friedhof" genannte erste kommunale Begräbnisplatz an der heutigen Wittener Straße gegenüber der Hauptpost bekam, nach mehreren Erweiterungen, im Jahre 1884 einen Nachfolger an der Blumenstraße und wurde dadurch zum "Alten Friedhof". Heute nennen ihn die Bochumer meist "Kortumpark", da Carl Arnold Kortum dort im Jahr 1824 bestattet wurde, und der Friedhof, auf dem schon seit Jahrzehnten nur noch ausnahmsweise und ganz selten einmal beerdigt wird, längst den Charakter eines "Totenkirchhofs" verloren hat. Kortums letzte Ruhestätte bezeichnet ein verhältnismäßig schlichtes, angeblich von ihm selbst entworfenes Grabmal aus Sandstein, das sich über einer etwa zehn mal acht Schritte messenden Gruft erhebt, in der auch noch mehrere Familienangehörige bestattet wurden: Es sind dies seine Tochter Helena Christina Henriette Döring, geborene Kortum (geb. am 1. Mai 1770 in Bochum, gest. am 5. Februar 1839 in Bochum), der Apotheken-Provisor und nachmalige Ehemann der Kortum-Enkelin Caroline Döring, Constantin Brinkmann der Ältere (geb. am 9. März 1796 in Polsum, gest. am 9. Juni 1841 in Bochum), der ab 1827 auch Besitzer der Alten Apotheke zu Bochum wurde, sowie Kortums Ur-Enkel, Constantin Brinkmann der Jüngere (geb. am 30. November 1821 in Bochum, gest. am 21. April 1851 in Bochum), der die Apotheke auch noch einige Jahre bis zu seinem frühen Tod leitete.

Die vier Gräber repräsentieren somit auch vier aufeinander folgende Generationen, und es stellt sich die Frage, wo zum Beispiel Kortums Ehefrau, Helena Margaretha, geborene Ehinger (geb. am 4. April 1744 in Bochum, gest. am 9. August 1825 in Bochum), oder die Ehefrau Constantin Brinkmanns des Älteren, Caroline Döring (geb. am 12. September 1797 in Bochum, gest. am 1. Mai 1881 wohl in Bochum) bestattet wurden, doch auf diese Fragen gibt es zur Zeit noch keine Antworten. -

Kortums Grabstein, der von einer schlangen-umwundenen flammenden Urne gekrönt wird, ist insgesamt etwa 2,70 Meter hoch und zeigt an seinen vier Seiten - jeweils über unterschiedlichen Symbolen - in lateinischer und in deutscher Sprache vier Inschriften:

Vorderseite: Hoc sub monunento quiescit / C. A. Kortum / Dr. medic. pro meritis / nominatus consiliarius aulicus / Natus 5. Juli 1745, / Mortuus 15. Aug. 1824. / Hier ruht die irdische Hülle / des Dr. medic. und Hofrath / C. A. Kortum / geb. 5. Juli 1745, / gest. 5. Aug. 1824.

Symbole: unter einer Schleife gekreuzt eine Lyra für die Dichtkunst und ein Äskulapstab mit heiliger Schlange für die Heilkunst.

Rückseite: Deploratus ab uxore filia septem / nepotibus decemve / pronepotibus. / Des Wiedersehens freuen sich seine Gattin, / seine Tochter, seine sieben Enkel / und zehn Urenkel.

Symbole: zwei gekreuzte, gesenkte, noch aber brennende Fackeln auf herzförmigem Schleifenkranz für die Vergänglichkeit von Liebe und Leben.

Linke Seite: Per aspera ad astra / Offenbarung Joh. 14 V. 13 / Selig sind die Todten / die in dem Herrn sterben.

Symbol: eine Amphore, wohl für Fülle und Maß des Lebens

Rechte Seite: Non mihi mors gravis est / posituro morte dolorem / Sirach, 22 V. 11 / Man soll nicht so sehr trauern.

Symbol: zwei gekreuzte Palmwedel als Zeichen maßvollen Trauerns.

Von der Wittener Straße kaum 25 Schritte entfernt, war die Kortum-Grabstätte bis vor einigen Jahren nicht direkt einzusehen, da sie als Grabanlage durch eine dichte und entsprechend hohe Bepflanzung nach Brauch und Regel der Bochumer Stadtgärtner vom pulsierenden Alltagsgetriebe - zumindest optisch - separiert wurde. Kortums biedermeierzeitliches Grabmal wurde im Zuge des Jubiläumsjahres 1995 - der 250. Geburtstag Kortums wurde in Bochum mit einem wirklich bemerkenswerten Feuerwerk an Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Aktionen begangen - samt der drei dazu gehörigen Grabplatten seiner Verwandten gründlich restauriert und unter Denkmalschutz gestellt, das Gebüsch wurde stark herunter geschnitten. Das Denkmal war nach dem Zweiten Weltkrieg - offenbar wegen starker Beschädigungen und infolge Steinzerfalls - durch eine fast getreue Nachbildung ersetzt worden, die aber Mitte der neunziger Jahre wieder restaurierungsbedürftig gewesen ist, und so traf es sich gut, dass die Kortum-Gedenkstätte zum Jubiläum 1995 völlig überarbeitet werden konnte.

Bei der Wiederaufstellung des erneuerten Gedenksteins für Kortum kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde dieser offensichtlich um 90 Grad gedreht, da bei Umgestaltung und Neuanlage der Gruft - sie wurde zusätzlich mit einer niedrigen Bruchsteinmauer umfriedet - die Grabstätte eine neue Zuwegung erhielt. Wünschenswert ist es, diesen Sachverhalt noch einmal gründlich aufzuarbeiten und festzustellen, weil nicht auszuschließen ist, dass die gesamte Kortum-Gruft nach 1924 um eine Reihe von Metern verlegt worden ist.

Dem gelegentlichen Besucher der Grabstätte, hat er einmal den schmalen Pfad zu ihr durchmessen, bietet sich ein schöner Anblick: eine biedermeierliche Beschaulichkeit "fernab" vom Getümmel der modernen Großstadt, fürwahr, ein "locus amoenus", ein liebliches Plätzchen, an dem der Dichter-Doktor zur letzten Ruhe gebettet liegt!

Doch bei genauerem Hinsehen wird die Idylle höchstwahrscheinlich getrübt: Weggeworfene Zigaretten-schachteln und -kippen, Kronkorken, geleerte Flaschen, Scherben, Getränkedosen, Drogenspritzen und andere Absonderlichkeiten mehr zeugen - trotz wohl relativ regelmäßiger Aufsicht und Pflege - von einem ziemlich regen Zuspruch, den dieses so abgeschieden-zentrale Plätzchen "in einschlägigen Kreisen" offensichtlich genießt. ...

Erstveröffentlichung in der Festschrift der Bochumer Maiabendgesellschaft 1388 e.V. zum 614. Maiabendfest - 27. April 2002 -, Bochum 2002, Seite 7-11 veröffentlicht.


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