Max Greve wird Bürgermeister von Bochum

Dietrich Wegmann

Eine neue Städteordnung und neue Männer in der Stadtvertretung

Der 7. Oktober 1842 war von einiger Bedeutung für die weitere kommunale Entwicklung der noch kleinen Stadt Bochum. Für diesen Tag hatte der vom Oberpräsidenten der Provinz Westfalen bestellte Kommissar Graf Godehart von der Recke-Volmerstein, der zugleich der Landrat des Landkreises Bochum war, eine Sitzung der am 16., 17. und 18. Mai gewählten Stadtverordneten einberufen. Es waren dies:
Um die Bedingungen des passiven Wahlrechts zu erfüllen, hatten sie entweder einen Grundbesitz im Wert von 1500 Talern oder ein Einkommen von 500 Talern im Jahr nachweisen müssen.
Unter dem Vorsitz des Kommissars sollten die Stadtverordneten darüber entscheiden, ob ihre Stadt künftig nach der revidierten Städteordnung von 1831 oder nach der Landgemeindeordnung von 1841 verwaltet werden sollte. Mit neun gegen drei Stimmen entschieden sie sich an diesem 7. Oktober 1842 für die Einführung der revidierten Städteordnung. Für den hier darzustellenden thematischen Zusammenhang bedeutete diese Entscheidung, dass die bisher zur Bürgermeisterei Bochum gehörenden Landgemeinden und die Stadt Bochum verwaltungsmäßig zu trennen und vorab jeweils neue kommunale Spitzenbeamte zu wählen und zu berufen waren. Damit stand, anders gesagt, für die Stadt Bochum die erste Wahl und Amtseinführung eines Magistrats einschließlich des an seiner Spitze stehenden Bürgermeisters auf der Grundlage der neu eingeführten Städteordnung an. Leitung und Organisation auch dieses Prozesses oblagen dem Kommissar Landrat Graf von der Recke-Volmerstein.

Ausschreibung der Bürgermeisterstelle und der Magistratur

Der Landrat ließ die zu besetzenden Stellen am 10. Dezember 1842 in Nr. 50 des "Bochumer Kreisblattes" ausschreiben. Dabei wurde das Bürgermeisteramt besonders herausgestellt; allerdings verzichtete Recke auf eine Umschreibung der Aufgaben des Bürgermeisters ebenso wie auf die Darlegung eines Leistungs- oder Anforderungsprofils der möglichen Bewerber sowie auf die Darlegung der geltenden Zensusvorschriften für das passive Wahlrecht. Er wies lediglich darauf hin, dass die Stelle des Bürgermeisters mit einem Diensteinkommen von 600 Talern und freier Dienstwohnung verbunden sei.
Der dieser Angabe zugrunde liegende Beschluss der Stadtverordneten vom 11. Oktober 1842 legte konkreter fest, was der Bürgermeister an dienstlichen Ausgaben von diesen 600 Talern zu bestreiten hatte. Das waren sämtliche Bürokosten einschließlich Beleuchtung, Heizung und Reinigung für das eigene Büro wie für die "beiden Sitzungsstuben der Stadtverordneten" und des Magistrats. Er hatte ferner daraus die "erforderliche Aushülfe bei der Geschäftsverwaltung im Registratur- und Kanzlei-Fache für das Magistratsbüro" zu bestreiten. Hierfür wurden 150 Taler der Bareinnahmen veranschlagt, so dass als Grundlage für die Pensionsberechnung und als eigentliches Gehalt 450 Taler verblieben. Zugleich wurde festgelegt, welche Räume im Rathaus dem Bürgermeister "als Amtswohnung" zur Verfügung stünden, nämlich die obere Etage, die Dachetage und der Kellerraum, "wie ihn der zeitliche Bürgermeister inne hat". Ausdrücklich wurde erklärt: "Die mittlere Etage [des Rathauses], die Souterains und die sogenannte Rathhausscheune bleiben zur Disposition der Stadt."
In der schon erwähnten Ausgabe 50 des Bochumer Kreisblatts von 1842 ließ der Landrat die an die Stadtverordneten gerichtete Einladung "zur Wahl des Bürgermeisters und der Magistratsmitglieder" veröffentlichen. Die dazu erforderliche Sitzung sollte am Freitag, dem 30. Dezember 1842 um 10 Uhr "in der Behausung der Witwe Dahm", und nicht im Rathaus stattfinden.

Die Bürgermeisterkandidaten

Von den Bewerbern um die Bürgermeisterstelle forderte Graf Recke in der Stellenausschreibung nur, dass sie "ihre etwaigen Qualifikationsatteste nebst einem Curriculum vitae schleunigst einschicken" sollten. In seinem an den Landrat gerichteten Bewerbungsschreiben erklärt Greve ebenso knapp wie förmlich, dass er "zur Übernahme dieser Stelle nicht ungeneigt" sei. Wörtlich heißt es dann weiter in dem zeittypischen devoten und distanzierenden Stil: "Wie Ew. Hochgeboren aus dem umstehenden curriculum vitae hochgeneigtest ersehen wollen, bin ich bereits im Jahre 1840 zum Obergerichtsreferendar ernannt und zur Zeit beim hiesigen Obergericht mit den Vorarbeiten zur großen Staatsprüfung beschäftigt. Meine Qualifikation möchte daher wohl nicht in Zweifel zu stellen sein." Als Nachweis dafür, schreibt er weiter, möge die beim Gericht in Hamm "beruhende Personalakte" dienen; er "stelle deren Abforderung gehorsamst anheim".
Weder finden sich in dem Bewerbungsschreiben weitere qualifizierende Selbstaussagen, noch konkretere Vorstellungen über das Bürgermeisteramt und die damit verbundenen Aufgaben. Es gibt auch keinen Hinweis auf Greves Militärverhältnis, das oft für eine Beamtenkarriere in Preußen bedeutsam war. Indessen hatte Greve seiner Militärpflicht bereits genügt. Er hatte allerdings von August 1838 bis zum August 1839 den einjährig-freiwilligen Dienst beim 13. Infanterie-Regiment in Münster absolviert, und zwar parallel zu seiner Ausbildung als Auskultator beim Land- und Stadtgericht ebenda. Bei seinem Abgang vom Militär wurde ihm von seinem Kompaniechef das Zeugnis erteilt: "Seine Führung war musterhaft, im Dienst war er eifrig und hat sich in demselben als ziemlich brauchbar bewährt". Obwohl er die Prüfung zum Landwehroffizier schon im August 1839 bestanden hatte, wurde er erst 1844 zum Reserveoffizier, und zwar zum Sekondeleutnant beim 16. Landwehrregiment in Iserlohn befördert.
Welche Motive, Erwartungen und Überlegungen Greve, als er kurz vor dem Assessorexamen stand, zu der Bewerbung um das Bochumer Bürgermeisteramt veranlasst haben, darüber gibt es keine authentischen Äußerungen. Zweifellos hat eine Rolle gespielt, dass sich mit der angestrebten Bürgermeisterstelle trotz der Enge des Zuschnitts ein vielgestaltiges Aufgabenfeld erschloss und dass in ihr einige Reputation, ein sicheres und auch überdurchschnittliches Einkommen zu gewinnen war. Dagegen war der Aufstieg in den höheren Justizdienst noch ungewiss; auch danach blieb die Tätigkeit dort oft noch für eine Reihe von Jahren, solange der junge Beamte Assessor und nicht Inhaber einer etatmäßigen Stelle war, mit unsicherem und relativ knappem Einkommen verbunden.
Einen Tag später, am 21. Dezember 1842, verfasste Greve einen Brief an den Stadtverordneten Hermann Schulte-Oestrich. Darin informierte er den Adressaten über seine Bewerbung und teilte ihm mit, er sei über die Ausschreibung der Bürgermeisterstelle sehr überrascht gewesen, da ihm "schon im Anfang dieses Monats gesagt worden, daß die Wahl bereits stattgefunden und auf Hrn. von Lothum gefallen sei". Am Schluss seines Briefes bittet er Schulte-Oestrich, ihm "zu seiner Zeit von dem Ausfalle der Wahl Nachricht zu geben".
Der in ihn gesetzten Erwartung entsprach Schulte-Oestrich schon vorher recht bald mit einem Brief vom 28. Dezember1842. Darin unterrichtete er Greve über seine Mitbewerber um das Bürgermeisteramt. Er nannte an erster Stelle den Bochumer Lederfabrikanten bzw. Lohgerber Ernst Schulten, außerdem bewerbe sich "ein gewisser Lucas aus Dortmund". Als mögliche Bewerber würden noch genannt der Amtsinhaber Bürgermeister v. Lüdemann, Gerichtssekretär v. Lothum und noch andere; ein weiterer Kandidat habe seine Bewerbung bereits wieder zurückgezogen.

Das Wahlergebnis

Ferner teilte Schulte-Oestrich Greve einige Mutmaßungen über den Ausgang der Wahl mit. Das Wahlergebnis sah der Schreiber vor allem bedingt durch die Gruppierung der Stadtverordneten zu zwei Parteien. Von diesen wollte die eine von Lothum oder Greve, während die andere sich für andere Kandidaten entscheiden würde. Eine gewisse Schlüsselrolle sprach Schulte-Oestrich dem Stadtverordneten Rendant Cremer zu. Dieser habe zu der ersten Gruppe tendiert, jedoch nur, weil er von Lothum wollte; das konnte nach Meinung Schulte-Oestrichs Veranlassung sein, dass diejenigen der Gruppe, die eigentlich Greve wollten, sich doch für Lothum entscheiden könnten, um mit der so erhofften Stimme Cremers der Gruppe die Mehrheit zu sichern.
"Wenige Augenblicke" nach Abschluss der Wahl am 30.12.1842, "sehr in Eile" und vor der offiziellen Benachrichtigung durch den Landrat, informierte Schulte-Oestrich seinen "sehr geschätzten Freund" über Verlauf und Ergebnis der Wahl. Nachdem im ersten Wahlgang zwei Stimmen für Lüdemann, vier für Lothum und sechs für Greve abgegeben worden waren, wurde eine Stichwahl erforderlich. In dieser sei Greve mit acht Stimmen gegen v. Lothum, der vier Stimmen erhalten habe, "zum Bürgermeister von Bochum gewählt" worden. Nach "herzlichstem Glückwunsch" teilte er noch mit, dass von der Berken, Bierhorst und Ernst Schulten zu unbesoldeten Magistratsmitgliedern gewählt worden seien.
Der Landrat selbst hat Greve eigenhändig noch am 30. Dezember über seine Wahl zum Bürgermeister informiert, ihm dazu "Glück und Gottes Segen" gewünscht und die Annahme ausgesprochen, dass die "höhere Bestätigung wohl ohne Zweifel erfolgen" werde und dass es wahrscheinlich sei, dass Greves "Amtsantritt noch innerhalb der nächsten sechs Wochen statthaben werde". Zugleich ließ Graf Recke eine entsprechende, ganz auf die Mitteilung der Fakten beschränkte Bekanntmachung über das Ergebnis der Bürgermeister- und der Magistratswahl noch am 31. Dezember im "Bochumer Kreisblatt", Nr. 53, S. 433 veröffentlichen.
Noch am Wahltag berichtete er außerdem an die Bezirksregierung in Arnsberg über die Wahl und äußerte sein Urteil über die Gewählten. Über Greve schrieb er: "Indem ich das von demselben eingereichte Curriculum Vitae vorlege, bemerke ich, daß derselbe vor einem halben Jahr einige Zeit beim hiesigen Land- und Stadt Gerichte gestanden hat und daher den hiesigen Einwohnern großentheils bekannt war. Mir ist derselbe jedoch gänzlich unbekannt und vermag ich daher kein Urtheil über ihn zu fällen." Die drei gewählten Magistratsmitglieder hielt er für "ganz qualifizirt" und fügte seinem Urteil einige globale Argumente hinzu. "Der Berggerichtsrath v. d. Berken ist ein ausgezeichneter Jurist und ein wegen seiner übrigen Eigenschaften höchst achtungswerther Mann, der Kaufmann Bierhorst ist eines der ältesten Mitglieder des bisherigen Gemeinderaths und daher mit den städtischen Angelegenheiten völlig bekannt, daher als Mitglied der Verwaltung von entscheidendem Nutzen. Der Lohgerber Schulten früher Gemeinderath jetzt Stadtverordneten Sekretär und Bewerber um die Bürgermeisterstelle ist ein rechtdenkender intelligenter Mann, der sich völlig für die Stelle eignet." Diese Einschätzung lief auf sein Votum hinaus, dass die Regierung alle Gewählten für ihr Amt bestätigen möge.
In seinem Bericht brachte Recke einige weitere kommunalpolitische Erwägungen vor, die erkennen lassen, dass es ihm gerade bei städtischen Wahlen um eine gewisse Ausgewogenheit im Verhältnis der beiden großen Konfessionen innerhalb der städtischen Gremien ging, wenngleich "nach der Zählung von 1840 in der Stadt unter den 3.859 Einwohnern 2.076 Katholiken und 1.639 Protestanten beiderlei Bekenntnisses" lebten. In diesem Wunsche sah Recke sich offenbar in Übereinstimmung auch mit den Katholiken unter den Stadtverordneten. Zugleich lässt sich an seiner Erklärung ablesen, dass sich in der Stadt Bochum zu diesem Zeitpunkt weder politische Gruppen im engeren Sinne noch gar Parteien gebildet hatten. Recke schrieb: "Bei der Wahl der StadtVerordneten hat jede Confession ungefehr ihre Candidaten durchgebracht so daß fast Gleichstellung erreicht worden ist." Bei den Magistratswahlen sei dies indessen nicht erreicht worden, "da nur drei Mitglieder zu wählen waren und da nun schon der gewählte Bürgermeister und zwei von den gewählten Magistratsmitgliedern der katholischen Confession angehören, so ist der Wunsch der Evangelischen", dass der Stadt noch ein viertes Magistratsmitglied zugestanden werde. Der Landrat unterstützte diesen Wunsch mit dem Hinweis darauf, dass die Magistratsmitglieder ohnehin nicht besoldet würden.
Dem letzteren Wunsch entsprach die Regierung jedoch nicht, wohl aber wurden alle Gewählten in ihrem Amt bestätigt. Das Reskript bzw. die Verfügung der Regierung fehlt übrigens in der angegebenen Akte. Eine inoffizielle Version hat Greve von Schulte-Oestrich erhalten (siehe unten).

Nachweisung der formalen Qualifikation

Wenngleich der Landrat den Zeitrahmen bis zu Greves Amtsantritt richtig eingeschätzt hatte, zog sich die Amtseinführung Greves aus anderen Gründen, da er zunächst noch die formalen Qualifikationen nachzuweisen hatte, doch noch bis zum Mai hin. Zwar hatte Recke Greve schon am 2. Februar 1843 benachrichtigen können, dass die Regierung keine Einwände gegen seine Wahl erhoben habe, dass indessen die formale Bestätigung erst erfolge, sobald Greve "das Bürgerrecht in Bochum gewonnenW und seine "Entlassung aus dem Justiz-Dienste beigebracht haben" werde.
Während die Entlassung aus dem Justizdienst lediglich eine Formalie und rasch erledigt war, ergaben sich bei dem Erwerb des Bürgerrechts doch einige Schwierigkeiten, bedingt wohl im Wesentlichen durch eine Verzögerungstaktik des unterlegenen Konkurrenten Lüdemann. Den in seinem Fall erforderli-chen Grundbesitz hat Greve bereits mit Kaufvertrag vom 11. Februar 1843, beurkundet von dem Justizkommissar und Notar Philipp Theodor Grimberg in Bochum, nachweisen können. Danach hat ihm der `Bürger Moritz EndemannA drei `im städtischen Bezirke von Bochum gelegene AckerländereienA zum Preis von 620 Talern verkauft, und zwar:

"[...] ein Stück im obersten Lohberg [...] einhundert zwei und zwanzig Ruthen preußisch groß";
"[...] ein Stück daselbst das Brehmer [?] Kämpchen genannt [...]88 Ruthen preußisch groß";
"[...] ein Stück im Griesenbruch ein Morgen 66 Ruthen 75 Fuß [...] groß [...]".

Noch unter demselben Datum des 11. Februar 1843 haben die Stadtverordneten Greve mit "Protokollarbeschluß", den alle unterschrieben, das Bürgerrecht der Stadt Bochum erteilt, allerdings mit dem Vorbehalt, "[...] soweit die unterzeichneten Stadtverordneten hierzu vor der wirklichen Einführung des gewählten Magistrats befugt sind [...]".
Den Landrat unterrichtete Greve schriftlich, Datum des Briefkonzepts ist der 20. Februar 1843, unter Beifügung der entsprechenden Belegdokumente über seine Entlassung aus dem Justizdienst, über die bedingte Erteilung des Bürgerrechts durch die Stadtverordneten und über sein an den amtierenden Bürgermeister Lüdemann gerichtetes, auf den Kaufvertrag gestütztes Gesuch um Aufnahme in die Bürgerrolle. Das Konzept des an den Bürgermeister gerichteten Gesuchs trägt ebenfalls das Datum des 20.2.1843.
Während die dargestellten Aktionen erstaunlich rasch durchgeführt wurden, traten jetzt allzu offensichtliche Verzögerungsmomente auf. Zum einen gab der amtierende Bürgermeister Lüdemann die Erklärung ab, dass es noch keine von dem Magistrat zu erstellende Bürgerrolle gebe, in die Greve zunächst hätte eingetragen werden müssen; aber der Magistrat war noch nicht einmal in sein Amt eingeführt. Dann sah er einen Hinderungsgrund darin, dass Greve seinen Wohnsitz nicht in Bochum hatte.
Nach weiterem Schriftwechsel mit dem Bürgermeister und dem Landrat erhielt Greve am 5. April 1843 eine vom Vortag datierte Verfügung Lüdemanns folgenden Inhalts: "Auf Grund des Gutachtens hiesiger Stadtverordneten Versammlung d. d. 11. Februar a. c. ertheile ich Ew. Wohlgeboren höherem Auftrage zufolge, hiermit das Bürgerrecht der Stadt Bochum." Die Fragen Bürgerrolle und Wohnsitz waren und blieben fernerhin gegenstandslos, obwohl Greve auch im April noch sowohl von Castrop aus wie von Kamen her offizielle Schreiben an den Landrat und an den Bürgermeister gerichtet und sich erst am 12. April als in Bochum wohnhaft bei dem zuständigen Feldwebel des Landwehrbezirks gemeldet hatte.
Es dauerte jedoch noch bis zum 6. Mai, bis dass Greve die vom 24. April datierte Verfügung des Landrats, die auf einer Verfügung der Bezirksregierung Arnsberg vom 12. April fußte, mit der Nachricht über die Bestätigung seiner Wahl zum Bürgermeister durch die Regierung erhielt.

Organisation der Einführung in das Bürgermeisteramt

In seinem offiziellen Schreiben vom 24.4. teilte ihm der Landrat außerdem noch mit: "Zu Ihrer Einführung sowie der übrigen Magistrats-Mitglieder habe ich Termin auf den 14ten May curr. vormittags 12 Uhr nach beendigtem Gottesdienste angesetzt und wird die Uebergabe der Geschäfte am folgenden Tage vorgenommen werden [...]."
Zu dem Zeitpunkt hatte Greve allerdings bereits genaue Kenntnis darüber und noch über andere wichtige Details. Denn unter dem 3. Mai hatte sein Gewährsmann Schulte-Oestrich ihm geschrieben: "In der Anlage habe ich das Vergnügen Abschrift einer Regierungsverfügung [eben der vom 12. April], wonach Sie als unser Bürgermeister und auch die übrigen Magistratsmitglieder definitiv bestätigt sind p. [sic] Ich gratulire also herzlich." Es folgen auf Äußerungen des Kreissekretärs gestützte Mutmaßungen über den Termin der Amtseinführung, dann die Erklärung: "Gestern soll auch eine Verfügung der Regierung auf' m Kreis-Bureau angekommen sein, wonach p. v. Lüdemann gleich nach Ihrer Einführung das Rathhaus räumen soll! - Letztere habe ich zwar nicht gelesen, es soll aber doch wol ziemlich sicher sein. Die Anlage (ist auf der Kreisstube geschrieben, bitte daher keinen Gebrauch davon zu machen; nächstens mehr [...]".
Der Beginn der Amtsführung des nunmehr bestätigten Bürgermeisters sollte wohl nach dem Willen der hinter Greve stehenden Mehrheit der Stadtverordneten durch ein zweitägiges Fest herausgehoben und damit deutlich als Neuanfang in der kommunalen Selbstverwaltung bzw. Politik akzentuiert werden. Dabei dürfte es die Absicht gewesen sein, breiteren Kreisen der Bürgerschaft die Teilnahme an den kom-munalen Entscheidungsprozessen zu eröffnen. Diese Absicht passte zweifellos zu dem größeren, in Übereinstimmung mit dem Sinn der revidierten Städteordnung stehenden Zusammenhang, der Bürger-schaft mit der Einführung der Städteordnung einen Neuanfang zu signalisieren und breiteres Interesse an der kommunalen Selbstverwaltung und an den Belangen der Stadt zu wecken.
Greve selbst war in den nächsten Tagen vorrangig mit der Vorbereitung auf seine Amtseinführung befasst. Am 4. Mai hatte er an seinen Gewährsmann Schulte-Oestrich geschrieben und um Auskunft über den vorgesehenen Ablauf der Amtseinführung gebeten. In seinem Antwortschreiben vom 6. Mai berichtet Schulte-Oestrich von der Benachrichtigung der Stadtverordneten über die Amtseinführung durch den Stadtverordnetenvorsteher von Lothum. Aus dem Schreiben erfuhr Greve noch das Folgende. Die Feierlichkeit im Anschluß an die Amtseinführung sollte im Gasthaus Dahm stattfinden; Lothum selbst würde daran wegen seiner Abwesenheit von Bochum nicht teilnehmen. Da der Stadtverordnetenvorsteher offenbar nicht vorhatte, selbst ein Fest für seinen erfolgreicheren Konkurrenten zu organisieren, ergriff sein Stellvertreter, Gerichtsassessor Louis Jacobi, die Initiative und lud die Stadtverordneten zu einer Beratung über die etwa durchzuführenden Feierlichkeiten auf den 8. Mai ein. Jacobi äußerte die Auffassung, dass es einem großen Teil der Bürger wie auch der Stadtverordneten unangenehm wäre, wenn die Einführung ohne alle Feierlichkeit stattfände. Die Sitzung der Stadtverordneten hatte Jacobi mit Lothum abgesprochen, doch hatte dieser erklärt, dass er auch daran nicht teilnehmen würde.
Greve selbst hatte offenbar von anderer Seite davon gehört, dass eine Gruppe in der Bürgerschaft vorhatte, den neuen Bürgermeister feierlich in die Stadt einzuholen. Schulte-Oestrich konnte dies Gerücht zunächst nicht bestätigen, bestärkte jedoch Greve in dessen Absicht, bei einem solchen Vorhaben nur mitzutun, wenn die Initiative dazu von den Stadtverordneten ausginge. Im Postskriptum seines Briefes teilt er jedoch mit, dass in der Tat mehrere Bürger eine Abholung planten, "wenn eine solche auch nicht von den Stadtverordneten ausgehen mögte".
Am 8. Mai "Abends 11 2 Uhr" teilte Schulte-Oestrich dem "sehr geschätzten Freund" die eben gefassten Beschlüsse der Stadtverordneten über die Gestaltung seiner Amtseinführung mit.
  1. Nach der Einführung am [Sonntag] 14. Mai sollte "am Dahmschen Hause" ein Mittagessen veranstaltet werden, wozu der Landrat, Greve selbst, die Magistratsmitglieder, der Kreissekretär und "der gewesene Bürgermeister v. Lüdemann" eingeladen würden. "Die übrigen wählbaren Bürger sollen zur Theilnahme durch ein extra Blatt aufgefordert werden."
  2. "Am Vortage, [Samstag] dem 13. Mai, versammeln sich um 13 Uhr die Stadtverordneten auf dem Markt zur Abholung Greves von der Gaststätte Ruhrmann am Crengeldanz [heute zu Witten gehörend]. Die Bürgerschaft sollte durch ein gedrucktes Informationsblatt zum Anschluss an diese Fahrt aufgefordert werden. Greve selbst sollte gebeten werden, für die Rückfahrt im Wagen Jacobis Platz zu nehmen.
  3. Es sollten einige Toaste ausgebracht werden:
  4. der erste auf den König, und zwar vom Landrat,
  5. der zweite auf Greve selbst, durch Jacobi und namens der Stadtverordneten, der dritte auf das Wohl-sein des Magistrats, von Berggerichtsassessor Haardt.
Der H. p. Jacobi hat es übernommen, Ihnen die erforderlichen Mittheilungen durch Ihren Herrn Vater zugehen zu lassen."
Im Fortgang des Briefes teilt Schulte-Oestrich dem Empfänger noch einige weitere Momente des Geschehens sowie eigene Einschätzungen mit.
"Kirchlich scheint das Fest nicht zu werden. Auch scheint das Konfessionelle noch immer mit im Spiele zu sein. Manchen geht die Sache nicht nach Wunsch und werden solche als Hardt, Cremer p. p. p. gegen ihren Willen mit dem Strohme schwimmen müssen."
Greve erfuhr aus dem Brief außerdem, dass zu Ehren seines Vorgängers Lüdemann am nächsten Tag, also am 9. Mai, beim Wirt Höltring ein Mittagessen gegeben würde. Hierzu stellte der Schreiber kommentarlos fest, dass er und manche anderen dazu nicht eingeladen seien. Und weiter: dass Lüdemann und Lothum am Tag der Einführung verreisen würden; der [Stadtverordnete] Cramer würde wohl auch verreisen, aber nicht, um nicht an der Feier teilzunehmen.
Schulte-Oestrich berührte auch die Frage einer Tafelmusik bei der Einführungsfeier, musste aber einräumen, dass diese Sache noch nicht geklärt sei.
Zuletzt bot er an: "Ihren mitzubringenden Freund, den Herrn Bürgermeister Hoppe bitte ich als meinen Gast beim gedachten Festmahle einzuladen."
In Absprache mit Schulte-Oestrich schrieb auch Wilhelm Endemann am 9. Mai 1853 an Greve und erklärte "[...] Jacoby hat sich die Sache angenommen u. glänzend durchgeführt, alle Hinderer sind vor die Katze - worüber sich viele freuen."
Etwas weiter unten berichtet Endemann über die Ehrungen für Lüdemann: "Dem früheren Bürgermeister v. Lüdemann ist diesen Morgen von seiten des städtischen Gemeinderaths ein silberner Pokal überreicht, u. diesen Abend [9. Mai] essen nun ungefähr 40 Personen, seine guten Freunde, v. Syberg an der Spitze, bei Ohma Höltring, weitere besondere Festlichkeiten kann ich Ihnen nicht anzeigen, welches auch Hr. SchulteOestrich thun wird; [...]."

Abholung und Amtseinführung Greves

Über die Durchführung der vorgesehenen Festlichkeiten der Abholung und Amtseinführung des neuen Bürgermeisters und Magistrats am 13. und 14. Mai 1843 sprechen lediglich eigene Aufzeichnungen Greves. Die Bochumer Presse sah jedenfalls diese Ereignisse offenbar nicht für berichtenswert an. Nach Greves eigenen Aufzeichnungen liefen die Veranstaltungen folgendermaßen ab:
"Am 13. Nachm. Abholung vom Crengeldanz. Zwölf Wagen mehre Reiter. - Auf die Rede des Stadtverordneten Vorstehers Jacobi wurde erwidert:
Meine Herren! Obgleich ich weit entfernt bin, die Ehre dieses festlichen Empfanges meiner Person anzurechnen, so erfüllt mich dennoch die Liebe und Theilnahme, womit Sie mir in dem Augenblicke entgegentreten, wo ich unter ihnen [sic] meine neue Heimath zu finden hoffe, mit dem Gefühle des lebhaftesten Dankes. Dies Willkommen, daß es nicht vorübergehend sei, daß sie [sic] mir auch fernerhin Ihre Liebe bewahren wollen, das ist mein sehnlichster Wunsch, darin werde ich mein größtes Glück finden. -
Einzug in Bochum unter dem Donner der Geschütze. Ehrenpfosten. Im Absteigequartier bei Mettegang Musik. -
Am 14. Mittags ein Halb 2 Uhr Versammlung der Magistratsmitglieder, Abholung seitens der Stadtverordneten zum Rathhause. Vereidung [sic] daselbst durch den Landrat, unter einem großen Andrange des Volkes.
Nach der Vereidung hielt der Bürgermeister folgende Anrede:
Hochzuverehrende Herren! Erfüllt von der hohen Bedeutung und der Wichtigkeit des mir angewiesenen neuen Wirkungskreises trete ich heute in Ihre Mitte.
Zuvörderst danke ich Ihnen Herr Graf für die umsichtige Leitung und Mitwirkung bei dem Werke, welches so eben durch die Einführung des Magistrats vollendet ist. Möge das glückliche Gedeihen dieses Werkes für Sie der reichste und schönste Lohn sein.
Zur größten Freude und Beruhigung gereicht es mir, - meine Herren Magistratsmitglieder - Sie als solche begrüßen zu können. Angesehen durch die allgemeine Achtung ihrer [sic] Mitbürger vertraut mit den Interessen der Stadt sind gerade Sie vorzüglich geeignet, das Amt der Magistratur mit mir zu theilen. -
Ihnen meine Herren Stadtverordneten, danke ich für das große Vertrauen, womit Sie mich geehrt haben. Durch die gewissenhafteste Erfüllung meiner Amtspflichten werde ich dasselbe zu erwidern und mir zu erhalten suchen.
Mit diesem Vorsatz, m. H., und in dem festen Vertrauen, daß Sie mir stets als treue Rathgeber und Helfer zur Seite stehen werden, beginne ich meine Funktionen.
So lassen Sie uns denn, verbunden in gegenseitigem Vertrauen, beseelt von einem lebendigen Gemeingeiste die Bahn des Fortschrittes, welche durch diese neue städtische Verfassung gebrochen, mit regem Eifer verfolgen und das Wohl der Stadt und unserer Mitbürger, so viel an uns, zu vertreten und zu befördern streben.
Unsere Bestrebungen, - ein segensreicher Erfolg möge sie krönen. -

Großes Mittagsessen

Toaste:
Dem hochverehrten Manne, der seither in wahrhaft väterlicher Vorsorge die Interessen dieser Stadt überwachte, der auch fortan ein treuer Wächter und Förderer der städtischen Institutionen sein wird, dem Mann, geliebt und geehrt von Allen, der uns heute mit seiner Gegenwart beglückt, ein dreifaches Hoch aus voller Brust. Der königl. Landrath Herr Graf v. d. Recke Volmerstein lebe hoch.
Dies Willkommen, dieses Hoch, in dankbarer Anerkennung nehme ich es hin. Ihr ehrenvolles Vertrauen in That und Gesinnung zu rechtfertigen, die Erwartungen dieses Tages zu verwirklichen, das soll mein einziges, mein unablässiges Bemühen sein. Ich bin aber des guten Erfolges um so gewisser, als ich mich der freudigen Hoffnung hingeben darf, in dem vielfach bewährten Gemeinsinne, in der Eintracht und Biederkeit meiner Mitbürger selbst die kräftigste Stütze zu finden. - Eintracht und Gemeinsinn sei auch fortan unser Losungswort. - Von diesem Geiste durchdrungen wollen wir vereint das Wohl und Gedeihen unserer Stadt zu wirken suchen.
Ihrer Ehre gelte es für immer und gelte es auch am heutigen Tage zunächst.
Der Stadt Bochum ein dreifaches Hoch! ! !
Außerdem Toaste auf den früheren Bürgermeister v. Lüdemann und auf den Lehrerstand.

Erste kommunale Aufgaben

Aus den im vorigen mitgeteilten Festreden und Toasten lassen sich v.a. folgende Vokabeln isolieren:
Eintracht und Gemeinsinn, Wohl und Gedeihen unserer Stadt, gegenseitiges Vertrauen, lebendiger Gemeingeist.
Außerdem wollte man "die Bahn des Fortschrittes, welche durch diese neue städtische Verfassung, [näm-lich die revidierte Städteordnung] gebrochen, mit regem Eifer verfolgen". Dazu kam das Ziel, "das Wohl der Stadt und unserer Mitbürger, so viel an uns, zu vertreten und zu befördern streben."
Diese Redundanz lässt sich reduzieren auf die zentralen Begriffe Gemeinwohl, Einigkeit und Fortschritt. Und obwohl hier Stereotype, die Festreden üblicherweise füllen, zusammengestellt sind, stecken sie doch das Feld bürgerlicher Loyalität und vager Erwartungen ab und charakterisieren zugleich auch einen Sektor in der Mentalität dieser Epoche. Außerdem stellt insbesondere die Kategorie Fortschritt keine bloße Leerformel dar, sie dürfte vielmehr durchaus ernst gemeint sein. Dafür liefern einige der kommunalen Aktivitäten der nächsten Zeit eindeutige Belege.
Greve selbst hoffte, wie er selbst auch erklärt, in Bochum eine neue Heimat zu gewinnen, woraus mit aller Vorsicht geschlossen werden kann, dass er sein neues Amt wohl nicht als Durchgangsstation einer steileren beruflichen Karriere betrachtete.
Schon bald nach den eindrucksvollen Festlichkeiten dürften sich Greve eine Reihe sehr konkreter Aufgaben und Probleme gestellt haben. Bedingt durch die einsetzende Industrialisierung und deren Auswirkungen wuchsen sie an und kamen rasch neue hinzu. Unmittelbar stand die Auseinandersetzung mit dem die Bochum umgebenden Landgemeinden zusammenschließenden neu geschaffenen Amt an. Dabei ging es v.a. um die Frage der Grenzziehung zwischen den neuen kommunalen Einheiten Stadt und Amt sowie um die Nutzung des Rathauses durch das Amt, basierend auf dessen Ansprüchen auf das kommunale Vermögen. - Sodann ging es um die Positionierung des Bürgermeisters gegenüber Magistrat und Stadtverordneten sowie gegenüber der Bürgerschaft, im Sinne eines Neuanfangs in der kommunalen Selbstverwaltung. Hier ist auch die Frage nach der Herstellung von mehr Öffentlichkeit in den kommunalen Interessen, Problemen und Entscheidungsprozessen einzuordnen. - Im Zusammenhang mit dem gesamtstaatlichen Problemkreis der Gemeinheitsteilungen und ihrer Privatisierung stand für Bochum die Frage der Aufteilung der im städtischen Gemeinbesitz befindlichen Voeden und deren Verwertung an. - Der überörtliche wie der innerstädtische Straßenbau musste vorangetrieben werden; ebenso drängend war die Frage der Anbindung Bochums an eine Eisenbahnlinie. - Nicht zuletzt drängten sich auf eine Reform und der Ausbau des Schulwesens wie die Übernahme der Armenfürsorge von den gesellschaftlichen Trägern, im wesentlichen kirchlichen Einrichtungen und Vereinen, durch die Stadt. - In den auf gesellschaftlichen, kulturellen, gewerblichen und agrarischen Fortschritt gerichteten Vereinen und Institutionen war zudem die Mitwirkung des Bürgermeisters an prominenter Stelle gefordert.


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